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Galizische Autonomie

Galizische Autonomie

Österreich-Ungarn war seit 1867 eine konstitutionelle, dualistische Monarchie, die aus zwei Staaten bestand, welche durch das Monarchiewesen sowie einige wenige andere Institutionen, wie z.B. die gemeinsame Armee, verbunden waren. Galizien, als Teil des ersteren der beiden Staaten, war eine Provinz mit sehr weitläufiger Autonomie, die 1873 endgültig beschlossen wurde, mit eigenem Landesparlament sowie einem entwickelten System von Selbstverwaltungen. Im ganzen Land herrschten zahlreiche Bürgerfreiheiten. Polen konnten nicht nur in Galizien in den höchsten Ämtern arbeiten, sondern auch in der Zentralregierung der Monarchie: Ab Mitte des 19. Jh bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs hatten drei von ihnen sogar die Funktion des österreichischen Premierministers inne. In Galizien wurde in der Zeit vor dem Ausbruch des Großen Krieges die polnische Sprache, im Gegensatz zu den russischen und deutschen Besatzungsgebieten, nicht nur nicht niedergeschlagen, sondern sie hatte sogar den Status der offiziellen Amtssprache! Das polnische Schulsystem funktionierte auf allen Ebenen - einschließlich polnischer Universitäten in Krakau und Lemberg. Das polnische Kultur- und Politikleben blühte und polnische Aktivisten aus den russischen Besatzungsgebieten fanden in Galizien Schutz: Es reicht bereits an Józef Piłsudski und Roman Dmowski zu denken.

Dadurch wurde das autonome Galizien seinerzeit zu einer wahren Enklave der Freiheit für die Polen. Obwohl die Armut allen zusetzte, Tausende von Menschen emigrierten, die Industrie sich in einem nicht großen Maßstab entwickelte und Regierungsinvestitionen, bis auf solche aus militärischen Gründen, die ganze Provinz umgingen, so wurde die Region doch zu einer Schmiede für erfahrene, polnische Kader der zukünftigen, unabhängigen Rzeczpospolita sowie zum Zentrum für die polnische Volks- und Unabhängigkeitsbewegung: ein wahres „polnisches Piemont”.
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