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Das politische Leben in Galizien

Das politische Leben in Galizien

Ab Ende des 19. Jh entwickelte sich in Galizien, dank der konstitutionell garantierten Bürgerfreiheiten, das politische Leben prächtig. Für großen Wirbel auf der bis dato sich wenig verändernden Politikbühne sorgte das Auftauchen von politischen Massenparteien, die bis dahin völlig unbekannt waren. Dank einer wenig demokratischen Wahlordnung agierten weiterhin alte konservative, demokratische und liberale Parteien. Anfang des 20. Jh mussten sie jedoch den Neuschöpfungen weichen.

Ab 1895 wirkte in Galizien das Stronnictwo Ludowe (Bauernpartei) (ab 1903 bereits als Polskie Stronnictwo Ludowe (PSL) (Polnische Bauernpartei)). Die herausragende Figur dieser Partei war Wincenty Witos. Kleinere Einflüsse hatte die sozialistische Bewegung, die sich vor allem innerhalb der Stadtbevölkerung entwickelte. Ab 1897 agierte sie als Polska Partia Socjaldemokratyczna Galicji i Śląska Cieszyńskiego (PPSD) (Polnische Sozialdemokratische Partei Galiziens und Teschener Schlesiens). Ignacy Daszyński war in den Vorkriegsjahren ein hervorragender Aktivist dieser Partei. Als letzte kristallisierte sich die nationalistische Nationalbewegung hervor. Die größten Einflüsse gewann sie in Ostgalizien, vor allem in Lemberg, wo u.a. Roman Dmowski und Stanisław Grabski wirkten. Dort entstand 1904 das Stronnictwo Demokratyczno-Narodowe (Demokratisch-Nationale Partei). Im Gegensatz zu den anderen Parteien sprach sich diese, obwohl in der österreichisch-ungarischen Monarchie tätig, immer deutlicher für Russland aus, als Garanten des Schutzes des Polentums vor dem germanischen Ansturm. Die größten Anhänger der Donaumonarchie waren die Konservativen aus der Krakauer Gruppe, Stańczycy genannt. Sie propagierten den sog. Trialismus, um den österreichisch-ungarischen Staat in einen österreichisch-ungarisch-polnischen Staat umzuformen und die unter russischer Regierung verbleibenden polnischen Ländereien an ihn anzuschließen.

In den letzen Vorkriegsjahren tauchte in Galizien noch eine weitere politische Kraft auf, die Unabhängigkeitsbewegung, welche vor allem mit der Person des politischen Emigranten aus Kongresspolen verbunden war: Józef Piłsudski. Die von ihm vorgeschlagene Vereinigung mit Österreich-Ungarn im künftigen Krieg sollte nur ein konjunkturelles Bündnis gegen Russland sein.

Das grundsätzliche Ziel von Piłsudski war nicht eine erweiterte Autonomieform in Galizien, sondern ein unabhängiges Polen. Er strebte danach den Keim für bewaffnete, polnische Kräfte zu legen. Auf diese Weise entstand der Strzelec (Schützenverband, 1911 in Krakau), eine legale, paramilitärische Organisation, die jedoch unter der Leitung des ein Jahr zuvor gegründeten, geheimen Verbandes des Aktiven Kampfes agierte, der die Unabhängigkeitsaktivisten in Galizien vereinte. Mit der Zeit begannen die Strzelec-Organisationen auch andere politische Parteien zu bilden: die antirussisch eingestellten Nationalisten die Polskie Drużyny Strzeleckie (Polnischer Schützentrupp), die Bauernfunktionäre wiederum die Drużyny Bartoszowe und Drużyny Podhalańskie (Bartoszowa und Podhalańska Trupp). Schließlich entstand sogar in Wien 1912 die Vorübergehende Kommision Konföderierter Unabhängigkeitsparteien, welche die politischen Militär- und Finanzinitiativen der Unabhängigkeitsaktivisten unterstützen sollte. Zu ihr gehörten neben der Polska Partia Socjalistyczna (Polnische Sozialistische Partei) aus Kongresspolen auch die PPSD, PSL und ein Teil des nationaldemokratischen Umfelds.
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